Historiker über Ukraine-Krieg: „Fehlannahmen haben Putin zum Krieg verleitet“
und schließlich in der Ukraine. Warum konnte der Westen von der russischen Invasion überrascht werden?Ich denke, es liegt am Ausmaß. Von Ende 1999 bis heute gab es nur drei Jahre in Putins Regierungszeit, in denen Russland nicht in den einen oder anderen Krieg verwickelt war. Und doch waren es immer nur begrenzte Konflikte. Putin hatte sich jedes Mal Ziele ausgesucht, von denen er dachte, dass er sie leicht gewinnen könnte.
All diese grundlegenden Fehlannahmen haben Russland zu diesem Krieg verleitet. Und sie zeichnen ein klares Bild davon, in welchem Maße sich Putin ein System geschaffen hat, in dem es für die Menschen nachteilig ist, wenn sie ihm die Wahrheit sagen. Es zeigt sich das Maß, in dem seine Geheimdienstler, sein gesamtes Umfeld, ihm nicht sagte, was er hören musste, sondern nur, was er hören wollte.
Auf jeden Fall! Offen gesagt geht es nur noch um die Frage, wie die Niederlage aussehen wird. Putin hofft immer noch, dass er den Widerstand der Ukraine und des Westens erschöpfen kann, indem er signalisiert, dass dieser Krieg noch lange andauern wird. Und dass er, wenn nötig, immer weiter russische Soldaten in den Konflikt schicken kann.
Es ist also nicht so, als läge das Momentum auf russischer Seite. Ganz im Gegenteil. Während die Ukraine dank all der Unterstützung aus dem Westen zunehmend eine moderne Armee des 21. Jahrhunderts aufstellt, wird das russische Militär in vielerlei Hinsicht schwächer. Es entwickelt sich zu einer Armee der späten Sowjetunion zurück, die mit halb ausgebildeten Soldaten und Waffen aus den 1970er Jahren kämpft.